‚Digitale Demenz‘ oder wie wir alle verblöden

Einige  Experten sind der Überzeugung, die dauerhafte Nutzung von Internet, Smartphones und anderer digitaler (Bildschirm-) Medien führe beim Menschen zu insgesamt ein ungeduldigeres, impulsiveres Verhalten und zu zunehmender Vergesslichkeit. Manfred Spitzer, Leiter des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, geht sogar soweit zu behaupten, Bildschirmmedien ließen unsere Kinder verblöden. (Video)

Erinnerungs- und Merkfähigkeit werden durch das Delegieren von Aufgaben an digitale Geräte, z.B. an Navigationsgeräte, verkümmern, weshalb zukünftige Generationen grundlegende Fähigkeiten, wie etwa das Lesen von Landkarten, verlernen, so Spitzers Überzeugung.

Bereits in seinem 2006 erschienenem Buch Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft verortete Spitzer die Ursache mangelnder Bildung und (vermeintlich) zunehmender Verdummung unserer Kinder bei der Reizüberflutung durch Bildschirmmedien.

 Was ist dran an diesen Behauptungen?

Recht sicher ist man sich heute darüber, was beim Lernen im Gehirn geschieht..  Damit über das Lernen das entstehen kann, was wir im Allgemeinen unter Wissen verstehen, müssen die Neuronen im Gehirn beansprucht werden. Je ausdauernder und konzentrierter die Beanspruchung erfolgt, desto effektiver fällt der Lernerfolg aus.

Sehr einfach ausgedrückt, bedarf es der Konzentration auf eine Sache, damit sich neuronale Verbindungen im Gehirn bilden können und neuronale Netzwerke entstehen. Je mehr Konzentration auf eine Sache gerichtet wird, desto stabiler die Verknüpfung der Nervenzellen.

 Der natürliche Feind dieser Form des Lernens ist mangelnde Aufmerksamkeit. Je mehr Quellen ich meine Aufmerksamkeit widme, desto weniger bleibt für die einzelne Quelle übrig. Oder wie es der Bremer Neurowissenschaftler Gerhard Roth ausdrückt:

Wir können umso mehr Geschehnisse gleichzeitig bewusst verfolgen je weniger Aufmerksamkeit wir auf sie verwenden; umgekehrt ist die Menge der erfassten Geschehnisse um so kleiner, je aufmerksamer wir sind, d.h. je mehr wir uns auf sie konzentrieren.

Computer und andere digitale Bildschirmmedien liefern einen konstanten Strom an Stimuli, weshalb sie eine echte Herausforderung für die Fähigkeit zum Fokussieren und zur Konzentration bedeuten. Es ist mittlerweile keine Ausnahme mehr, dass zeitgleich ferngesehen und dabei über das Smartphone kommuniziert wird. Oder dass am PC gespielt wird, während gleichzeitig Musik läuft und das Handy regelmäßig nach neuen Nachrichten gescannt wird.

Diese Formen des Multitaskings halten unser Gehirn ständig auf Trab, fordern es unablässig. Eine Gefahr besteht nun darin, dass der unablässige Strom an Stimuli und an Informationen uns nicht genügend Zeit dafür lässt , Informationen abzuspeichern und schließlich erinnern zu können.

Bei Kindern, deren Gehirne sich erst noch richtig ausbilden müssen, wirken diese unablässigen Stimuli besonders stark auf die Fähigkeit zur neuronale Vernetzung.

Spitzers Behauptung, so polemisch sie auch vorgetragen wird, dass andauernde Stimulation durch Bildschirmmedien unsere Kinder ‚verdummen‘ lässt, ist also nicht völlig aus der Luft gegriffen. Und vermutlich gelten diese Aussagen nicht nur für Kinder, denn die Fähigkeit zur ständigen Neuverknüpfung der Neuronen im menschlichen Gehirn generell (Neuroplastizität) lässt vermuten, dass auch Erwachsenengehirne bestimmte Fähigkeiten einbüßen beim Dauergebrauch von Bildschirmmedien.

Dies scheint sich durch die Untersuchungen u.a. der Stiftung Lesen zu bestätigen die ergeben haben, dass sich Lesestrategien Erwachsener in den vergangenen Jahren erheblich gewandelt haben. Immer häufiger werden Bücher nicht von Anfang bis Ende, sondern sporadisch gelesen. Dabei werden Teile überflogen und es wird erst dort weiter gelesen, wo das Buch wieder interessant zu werden scheint. Eine wachsende Zahl von Personen liest mehrere Bücher gleichzeitig. Insgesamt nimmt das sogenannte „Häppchen-Lesen“ zu. Bei Jugendlichen, so sie denn überhaupt noch Bücher lesen, ist das „Häppchen- Lesen“ noch weiter verbreitet. Dieses Verhalten wird mit der Nutzung elektronischer Medien in Verbindung gebracht, bei dem häufig eben nicht fokussiert und konzentriert vorgegangen wird.

Offenbar werden, so die naheliegende Vermutung, Verhaltensweisen aus der Nutzung digitaler Medien auf die Nutzung analoger Medien übertragen.

Eine Abnahme bestimmter Fähigkeiten wird seit einiger Zeit auf unterschiedlichen Ebenen thematisiert, u.a. wenn es um die Ausbildungs- oder Studierfähigkeit junger Menschen geht. Genau in diese Kerbe haut Spitzer mit seinen sehr einseitigen Auslegungen und Schlussfolgerungen.

Außer Acht lässt er dabei die Tatsache, dass wir alle sehr viel mehr unterschiedliche Kompetenzen erwerben im Laufe eines Lebens, als jede Generation zuvor. Dieser Umstand führte vermutlich auch zu der stetigen Zunahme an IQ-Punkten bei Menschen in westlichen Industriegesellschaften bis in die 1990er Jahre, der sogenannte Flynn-Effekt.

Auch fand der Psychologe Hugo Schmale mittels standardisierter Berufseignungstests heraus, dass Jugendliche heute eine um 30 Prozent höhere visuelle und akustische Wahrnehmungsgeschwindigkeit haben, als noch vor zwanzig Jahren. Zurückgeführt wird dies darauf, dass der Konsum audiovisueller Medien eben zu entsprechenden Vernetzungen im Gehirn führt und sich als Folge davon die Kompetenzen auf diesen Gebieten – relativ gesehen – erhöhen. 

Gemessen am derzeit gültigen Bildungskanon und dem, was Lehrpläne so vorgeben, ist ein großer Teil (nicht nur!) der jüngeren Menschen vermutlich als mehr oder weniger dumm zu bezeichnen – mit steigender Tendenz. Was allgemein unter ‚Intelligenz‘ und ‚Wissen‘ subsumiert wird, unterliegt jedoch einem stetem Wandel,  immer abhängig davon, was gesellschaftliche, soziale und ökonomische Gegebenheiten aktuell fordern.

Derzeit erleben wir, dass ‚Wissen‘ eine neue Bedeutung erfährt, hin zu mehr ad hoc oder just-in-time-Wissen. Es wird gelernt, um z.B. ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Im Hinblick auf zunehmend partizipative und  kollaborative Arbeitsformen macht dies Sinn, da unterschiedliche Projekte und Unternehmungen höchst unterschiedliches Wissen und verschiedene Kompetenzen erfordern. Es bedeutet wenig über eine solide Allgemeinbildung zu verfügen, wenn bspw. spezielle Programmierkenntnisse gefordert sind. In einer zunehmend spezialisierten Welt wird entweder jeder über Spezialwissen verfügen oder aber, was wahrscheinlicher ist, Spezialwissen wird sich von Fall zu Fall angeeignet und ggf. auch wieder vergessen, sobald dieses nicht mehr benötigt wird. David Weinberger, Autor und Philosoph, vertritt in seinem jüngsten Buch ‚Too Big to Know‚ gar die Auffassung, dass Wissen zunehmend eine Eigenschaft des Netzes wird und weniger ein Charakteristikum für Individuen.

Möglicherweise also ist das, was Spitzer in seinem neusten Werk kulturpessimistisch als ‚Digitale Demenz‘ bezeichnet, die am besten geeignete Form des Wissensgenerierung, um den Anforderungen einer modernen und sich stetig ändernden Wissensgesellschaft adäquat begegnen zu können. In der Konsequenz bedeutete es schließlich, dass diese Form des Wissens einhergeht mit einer Verschiebung in Richtung Geschwindigkeit zu Lasten von Tiefe.

Wissen wird etwas zunehmend Dynamischeres, es fließt und unterliegt ständigem Wandel. Es vollzieht sich eine Veränderung in der Motivation des Lernens, vom Lernen für den (bestimmten) Zweck, hin zum Lernen nach Bedarf und zu der Zeit, die dafür passend erscheint. Weiterhin vollzieht sich ein Wandel weg von der verorteten intellektuellen Autorität, hin zum ‚Schwarm‘, für den räumliche und zeitliche Grenzen nicht mehr existieren.

Spitzer vertritt vehement die Auffassung, dass das gesunde menschliche Gehirn nicht nicht lernen kann. Es ist dafür optimiert  unentwegt Neues zu lernen. Somit liegt ein gewisser Widerspruch in seinen Behauptungen von der zunehmenden Verblödung. Lernt unser Gehirn tatsächlich IMMER, bedeutet das gemäß der Spitzer‘schen Logik, dass  lediglich  das WAS und  WIE sich verändern, nicht jedoch OB gelernt wird.

Es scheint also richtig zu sein, dass viele von uns nicht mehr in der Lage sind, Stadtpläne oder Landkarten zu lesen. Dafür aber wird die Bedienung der Navigationsgeräte beherrscht. An die Stelle der einen Fähigkeit tritt eine  neue.

Die Frage danach, ob bei dem neuen Wissen noch von Bildung i.e.S. gesprochen werden kann ist zweifellos berechtigt. Vom Verblöden zu sprechen scheint jedoch völlig unangemessen, denn Lernen selbst findet weiterhin statt.

Schaut Spitzer nun also einzig auf die neuronalen Bedingungen, so greift diese Sichtweise deutlich zu kurz. Wissen und Intelligenz lassen sich nicht allein nur in diesem Kontext begreifen. Sie sind nicht weniger auch  soziale und gesellschaftliche Phänomene, die es zu verstehen gilt.

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Eine Antwort

  1. Endlich eine fundierte Besprechung dieses Buchs – jetzt kann ich mir in etwa eine Vorstellung davon machen. Danke!

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